11.8.06

Das erste Mal

In meinem bisherigen fliegerische Werdegang erhielt ich vor meinem ersten Linieneinsatz jeweils ein Landetraining in einem leeren Flugzeug. Dafür ging es mit einem leeren Flugzeug zu einem meist etwas abgelegenem und nicht stark frequentierten Flugplatz, an dem nun jeder Kandidat seine erforderlichen Platzrunden drehte.

Dieses Unterfangen ist teuer und mit nicht unerheblichem Aufwand verbunden. Also wird auf dem Airbus versucht, dies einzusparen. Das Landetraining erfolgt also lediglich im Simulator. Die erste wirkliche Landung mit dem Flugzeug erfolgt also erst im Linientraining, wenn bereits Passagiere im Flieger sitzen...

Aber der Reihe nach:

Linientraining Tag 1:
Vier Flüge stehen auf dem Programm. Frankfurt - Mailand - Frankfurt - Nürnberg -Frankfurt.
Anschließend geht es als Passagier nach Wien.

Den ersten Flug fliegt mein Ausbilder und ich arbeite ihm zu. Hier läuft alles gut, auch die Abfertigung in Mailand funktioniert klaglos.
Auf dem Rückflug fliege dann ich und mein Ausbilder übernimmt die Rolle des "Zuarbeiters". Alles läuft wie am Schnürchen.
Im Anflug auf Frankfurt wird mir dann aber auf einmal schlagartig bewusst, daß dies ja nun meine erste wirkliche Landung auf dem Vogel werden soll.
Dementsprechend übervorsichtig taste ich mich an die Landung heran:
Schon relativ früh verringere ich die Sinkrate und lasse das Gas noch lange stehen, so daß die Landung zwar weich wird, aber auch extrem viel Landestrecke benötigt. In Frankfurt mit seinen vier Kilometern Bahnlänge ist dies kein Problem, auf kürzeren Bahnen ist soetwas jedoch unangemessen...
Von meinem Ausbilder erhalte ich entsprechende "Hinweise"...

Die weiteren Flüge verlaufen unspektakulär.

Linientraining Tag 2:
Heute geht es Wien - München - Belgrad - München - Berlin.
Der letzte Flug nach Berlin wir nochmal unerwartet spannend. Es weht ein kräftiger und böiger Seitenwind zur Landung.
Im Abfangbogen erwischt mich nochmal eine Böe.
Der Flieger driftet leicht von der Mittelllinie weg. Jetzt bricht mit voller Macht meine dummerweise noch nicht ganz untergegangene MD11-Prägung durch:
Reflexartig schiebe ich das Gas auf Startleistung und beginne ein Durchstartmanöver. Mein Ausbilder murmelt noch etwas der Art "Das wäre doch nicht nötig...", aber da ist es schon zu spät und wir sind wieder in der Luft.

Die MD11 ist vergleichsweise breit, weswegen kleine Abweichungen von der Landebahnmitte schnell dazu führen, daß ein Rad neben der Bahn aufsetzt. Aus diesem Grund wurde mir auf der MD11 entsprechend eingebläut, bei Abweichungen von der Landebahnmitte unverzüglich durchzustarten.

Bei diesem kleinen "Airbus-Gehopse" sind ein paar Meter neben der Mitte jedoch weniger dramatisch.
Ich merke, daß ich wegen des fehlenden Landetrainings einfach noch zu konservativ an die Sache gehe.

Nachdem wir in der Luft sind, grinst mein Ausbilder breit zu mir herüber: "Das erklärst du jetzt aber selbst den Gästen...".
In meiner Heimatstadt läuft gerade eine Ausstellung über den Gang nach Canossa, ganz ähnlich fühle ich mich jetzt...
Ich erinnere mich an den Spruch eines meiner B737-Ausbilder bezüglich Ansagen: "Sag einfach die Wahrheit und nichts als die Wahrheit..."
Also erzähle ich kurz, daß uns zur Landung eine Böe erwischt hat und wir jetzt einen neuen Anflug machen und in ca. 10 Minuten am Boden sein werden.

Nach der Landung im Crewbus berichtet die Kabinencrew dann eine Auswahl von Passagierkommentaren... Ich bin jedesmal erstaunt, wie unterschiedlich Menschen ein und dieselbe Situation empfinden können.

Linientraining Tag 3:
Berlin - Frankfurt - Oslo - Frankfurt
Nach dem Einrollen an den Finger in Oslo bestätigt der anwesende Rampagent der SAS über die Kopfhörerverbindung, daß die Bremsklötze vorgelegt seien. Ich löse daher die Parkbremse (das ist ein Standardverfahren, damit die Bremsscheiben besser abkühlen).
Umso größer ist der Schreck als der Flieger sich sogleich rückwärts in Bewegung setzt.
Vorsichtig drücke ich wieder auf die Bremse (tut man dies zu heftig könnte der Flieger "nicken" und somit mit dem Schwanz aufsetzen).
Auch der Rampagent ist entsprechend überrascht und entsetzt.
Es stellt sich heraus, daß eine der Bremsklötze sich gelöst hat und das Flugzeug etwa 30 cm nach hinten rollen ließ.
Ich mach beim anschließenden Rundgang noch ein paar Fotos von dem verschobenen Bremsklotz. Die Trainingsabteilung wird sich über das neue Anschauungsmaterial freuen.

Nach Ankunft in Frankfurt bekomme ich eine sehr freundliche Bewertung meines Ausbilders ausgehändigt.

Per Bahn geht es nun heimwärts. Vom Hauptbahnhof radele ich zum aviatischen Weltzentrum, wo ich gegen 2130 Uhr eintreffe. Die Kneipe hat Ruhetag, trotzdem stehen angesichts des schönen Wetters einige Gestalten auf dem Vorfeld. Spontan öffnen wir eine Flasche Rotwein und genießen alle zusammen noch ein wenig den Sonnenuntergang und die hereinbrechende Nacht.
Ich bin glücklich!

9 Comments:

Anonymous Anonym said...

Na das tönt ja alles in allem recht entspannt und total positiv.

Nimmt mich Wunder, wie denn die Comments der Paxe ausgefallen waren ;-)

Jedenfalls scheint Dir der Bus einen riesen Spass zu machen!!

Liebe Grüsse
A.

11/8/06 09:44  
Anonymous Anonym said...

by the way, gib Info wenn Du mal ZRH im Programm hast, da liegen dann bestimmt ganz viele auf der Lauer um das ganze mit Bild festzuhalten...

Liebe Grüsse
A.

11/8/06 09:48  
Anonymous Anonym said...

Jau würde mich auch tierisch wundernehmen wie denn die Kommentare waren.
Übrigens noch Gratulation zum Bestehen des Checks wohl reichlich spät aber ich war ja auch in den Ferien;)

E grues

Severin

11/8/06 13:57  
Blogger nff said...

Meine Bewunderung steigt!

Meien erste Landung auf der MD11 war auch mit Paxen an Board und dies im stockdunklen Bombay... In der abschliessenden Bewertung stand:
"Die erste Landung des Herrn nff war wie sein Haarschnitt, lang aber gepflegt...."

Viel Spass und bis bald auf der Langstrecke :-)

nff aus L.A.

11/8/06 18:29  
Blogger 737captain said...

Auch von mir Glückwunsch und ein bisschen Neid für den schicken Flieger! ;)

Wenn Du mal in DRS bist, kannste mich ja mal irgendwie informieren, mach ich gern ein paar Bilder wenns geht.

Felix

11/8/06 18:31  
Blogger Alles lacht, hier kommt die Fracht.... said...

@user68 Ich glaube, ich muss hier mal was gerade rücken: Dies war erst der erste von diversen Ausbildungsumläufen, die noch folgen werden. Zwar habe ich meinen Simulatorcheck erfolgreich hinter mir, aber der Checkout auf der Linie wird ver,utlich erst so gegen Mitte November (hoffentlich) erfolgen...
Dennoch vielen herzlichen Dank für die Glückwünsche!

@A. und 737Captain Leider habe ich in diesem Monat weder DRS noch ZRH auf meinem Dienstplan, denn beides sind Stops, die ich aus B737-Zeiten noch in bester Erinnerung habe...

@Severin Vielen Dank für die Glückwünsche! Hoffe, die Ferien waren mit viel Spaß verbunden!

@nff Ich denke wir sollten einmal eine Sammlung der besten Beurteilungssprüche aufmachen: Zu 737-Zeiten enthielt meine erste Bewertung folgendes: "Basic Flying in Ordnung, lediglich bei alltäglich benötigten Limitations und in der Theorie besteht noch ca. 25% "Grauzone"...
Die folgenden Umläufe waren immer erst recht entspannt bis zu dem Punkt, an dem mein Ausbilder gerne die Bewertungen seiner Vorgänger über mich lesen wollte.
Sobald dieser Satz dann ins Blickfeld kam, kam auf das Gesicht meines Ausbilders erst ein leichtes Grinsen und dann prasselten die Fragen nur so auf mich nieder: "Wie hoch darf die EGT jetzt sein? Bei ETA-wieviel kommt die Connecting Gate Info? Ist der Windpfeil an TN oder MN orientiert?.........."


Gruß,

Golfox

11/8/06 23:54  
Blogger Tobi said...

Na dann hoffe ich doch, dass es weiterhin so positiv weitergeht.
Ich kann mich jetzt dann wieder der Theorie widmen, auf dass es hoffentlich auch einmal auf die grossen Geräte geht.

Ich hätte sonst noch einen Spruch, betreffend der Angst vor einem neuen Flugzeugtyp: Nur Ruhig, auch dies ist ein Pull-to-Climb-Typ :-)

12/8/06 23:01  
Anonymous Anonym said...

Hallo Golfox,

mit etwas schlechtem Gewissen musste ich feststellen, dass der neuste Eintrag vom 11.8. datiert und alle meine Uhren und anderen Datumanzeigegeräte bereits den 16.8. melden.

Trotzdem möchte ich mich noch in die Schlange derjenigen einreihen, die ungeduldig auf die Go-Around-Bewertung der Passagiere warten. Ich fliege ehrlich gesagt auch lieber mit jemandem, der einmal zu viel durchstartet als einmal zu wenig...
Die ehemaligen MD-11 Kollegen wären sicher zufrieden mit einem, der das gelernte so intuitiv ausführt wie du.

Ich habe noch eine Frage zum Bremsklotz: Lag der dicht am Reifen und wurde dann nach hinten verschoben, oder war er von Anfang an nicht ganz am Reifen und wurde dann schon mit etwas Schwung weggeschoben? Tönt etwas komisch, wenn man bereits Bremsklötze für die Bremsklötze braucht ;).


Gruss aus der Schweiz (Nähe Zürich, d.h. ich bin ein weiterer, der auf die Landung in Zürich wartet ;)),
Michael

16/8/06 16:43  
Anonymous Anonym said...

Hochinteressant und spannend.

17/8/06 19:51  

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